Eine neue kanadische Studie mit mehr als 2.500 Familien legt nahe, dass zu viel Bildschirmzeit bei Kleinkindern und Vorschulkindern mit Entwicklungsverzögerungen zusammenhängt.
Fast alle Eltern werden zugeben, dass sie ihre Kinder schon einmal beim Kochen des Abendessens fernsehen lassen, sie im Restaurant auf dem iPad die Zeit totschlagen lassen oder ihnen zum Spaß Videospiele erlauben. Doch laut einer kürzlich veröffentlichten Studie im Medizinjournal JAMA Pediatrics hat all dieses elektronische Babysitten einen hohen Preis – insbesondere für Kinder unter fünf Jahren.

„Was wir in dieser Studie festgestellt haben, ist, dass Kinder, die übermäßig viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, Entwicklungsverzögerungen zeigen“, sagt Sheri Madigan, außerordentliche Professorin am Fachbereich Psychologie der University of Calgary und Hauptautorin der Studie.
Tatsächlich gilt übermäßige Bildschirmzeit als ein Faktor, der zum zunehmenden Problem der Schulreife beiträgt – schätzungsweise beginnt jedes vierte kanadische Kind den Kindergarten unzureichend auf das Lernen vorbereitet.
„Wenn Kinder vor Bildschirmen sitzen, entgehen ihnen viele Lerngelegenheiten“, sagt Madigan, die außerdem den Canada Research Chair für die Determinanten der kindlichen Entwicklung innehat. „Wenn man auf einen Bildschirm schaut, lernt man nicht, Fahrrad zu fahren, einen Ball zu werfen oder seinen Namen zu schreiben. Außerdem interagiert man nicht mit der Betreuungsperson – und positive Interaktionen können sehr wichtig sein, damit Kinder sich gut entwickeln.“

Die Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und der frühkindlichen Entwicklung in 2.500 Haushalten in Alberta zwischen 2011 und 2016. Die Betreuungspersonen machten Angaben dazu, wie viele Stunden ihre Kinder mit elektronischen Geräten wie Fernsehern, Smartphones und Tablets, Videospielen und anderen digitalen Medien verbrachten. Die untersuchten Kinder verbrachten im Durchschnitt im Alter von zwei, drei und fünf Jahren täglich 2,4, 3,6 beziehungsweise 1,6 Stunden vor Bildschirmen. Diese Werte liegen allesamt über den Empfehlungen der Canadian Pediatric Society, die Kindern zwischen zwei und fünf Jahren höchstens eine Stunde täglich (vorzugsweise mit Bildungsinhalten) empfiehlt.
Parallel dazu bewertete die Studie die kindliche Entwicklung im Alter von zwei, drei und fünf Jahren. Dafür füllten die Betreuungspersonen den Fragebogen „Ages and Stages“ aus, ein Screening-Verfahren für verschiedene Entwicklungsbereiche.
„Dabei werden Kommunikationsfähigkeiten, die Fein- und Grobmotorik, Problemlösungsfähigkeiten sowie soziale und emotionale Kompetenzen betrachtet. Die Fragen ändern sich, aber in jedem Alter geht es darum festzustellen, ob Kinder ihre Entwicklungsmeilensteine erreichen“, sagt Madigan. „Diese Ergebnisse zeigen uns, dass ein Grund für Unterschiede beim Lernen und Verhalten zu Beginn der Schulzeit darin liegen könnte, dass manche Kinder in der frühen Kindheit viel zu oft vor Bildschirmen sitzen.“
Die Beobachtung der kindlichen Entwicklung über einen längeren Zeitraum ermöglichte es den Forschenden, eine klassische „Henne-und-Ei“-Frage zu klären: Verursachte zu viel Bildschirmzeit die Entwicklungsverzögerungen? Oder wurden Kinder mit Verzögerungen, die möglicherweise schwierigere Verhaltensweisen zeigten, häufiger vor Bildschirme gesetzt, um ihnen (und ihren Eltern) den Alltag zu erleichtern? Der längsschnittliche Aufbau der Studie erlaubte es den Autoren, die Richtung des Zusammenhangs zu bestimmen. Das eindeutige Ergebnis: Die übermäßige Bildschirmzeit verursacht die Verzögerungen.
Was sie noch nicht wissen, ist das „Wie“.
„Wir wissen, dass es einen Zusammenhang gibt. Nun müssen wir wirklich herausfinden, was hinter diesen Zusammenhängen steckt. Das Wie. Und verpasste Gelegenheiten – wenn Kinder vor einem Bildschirm sitzen statt zu malen, mit Lego zu bauen oder draußen zu spielen – sind wahrscheinlich ein ganz entscheidender Teil dieses Rätsels“, sagt Madigan.

Die gute Nachricht laut den Autoren: Das Gehirn von Kindern entwickelt sich auch nach dem fünften Lebensjahr und bis ins Erwachsenenalter weiter. Es ist also nie zu spät, etwas zu verändern. Wir können Handys und Netflix nicht abschaffen, aber wir können den digitalen Medienkonsum unserer Kinder steuern. Madigan empfiehlt, einen „Medienplan“ zu erstellen, der festlegt, wann und wo Geräte zu Hause genutzt werden dürfen: „Es geht darum, sie verantwortungsvoll zu nutzen und gesunde Gewohnheiten im Umgang mit Geräten zu fördern.“
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Mit freundlicher Genehmigung von Today's Parents.
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